Kurzgeschichten: Triebkorrektur


Triebkorrektur -


Fuck!

Schwer atmend betrachtete Vicky sich im Spiegel.

Der Abend hatte so gut angefangen. Ihr Körper glühte immer noch, obwohl sie gerade ausgiebig kalt geduscht hatte und …

Ob sie sich dafür schämte, was sie da machte?

Nein! Und wenn doch, nur ein ganz kleiner Teil von ihr.

Beklaut wurden ja nur die, die es verdient hatten. Und dieser „Nick“ hatte es verdient – allein schon für sein überhöhtes Ego. Fasziniert wog sie seine schwarz glänzende Uhr mit der leuchtenden Anzeige in der Hand. Sie stahl immer nur die ganz besonderen Stücke. Etwas, das er vermissen würde. Eigentlich war die Uhr nur ein kleiner Trost für die Enttäuschung, die er ihr bereitet hatte. Er hatte sie nicht nur benutzt, sondern war auch noch nach der ersten Runde eingeschlafen. Was für ein Versager.

Sie spähte über die Schulter. Schnarchend lag Nick auf dem breiten Hotelbett.

Dabei hatte sie nicht einmal ihre K.O.-Tropfen verwendet. Ihre ganz spezielle Mischung aus nur für Mediziner zugänglichen Substanzen, die je nach verabreichter Menge die Ausdauer eines Mannes unglaublich verlängern konnten oder ihn, wenn er zu anhänglich wurde, bei höherer Dosierung eben einschlafen ließen.

Sie hatte gar nicht daran gedacht, sie einzusetzen. Vielleicht weil sie sich zu sehr von seinen Muskeln und seinem riesigen Schwanz hatte ablenken lassen. Was für ein Typ! Was für ein Schwanz! Konnte ein Schwanz zu groß sein?

Vielleicht.

Sie hatte ja schon geschwitzt, als sie versuchte, sich auf ihn zu setzen. Und kaum dass ihre klatschnasse Pussy sich an seine Größe gewöhnt hatte und sie so richtig in Fahrt gekommen war, hatte er sie umgedreht, um sie von hinten zu nehmen. Nicht, dass ihr das fremd gewesen wäre, aber er wollte ihr sein Monster doch tatsächlich in den Arsch schieben. Nur weil sein Ding nach unzähligen erfolglosen Versuchen noch immer nicht reinpasste, hatte er sich letztendlich mit ihrem Mund zufriedengegeben.

Mit einem leisen Stöhnen strich sie ihr Haar nach hinten und packte ihr Handy zurück in die Handtasche. Sie hatte es neben dem Spiegel auf das kleine Kästchen gestellt, um die Nummer wie immer zu filmen – rein zur Sicherheit. Zwar hatte sie bis jetzt noch nie jemand erkannt, aber man konnte ja nie wissen, wofür dieses kleine Andenken noch einmal gut war.

Zum Teufel noch mal! Sie war so was von nass! Nass und unbefriedigt.

Sie musste sich zusammenreißen, nicht zwischen ihre Schenkel zu greifen und es zu Ende zu bringen. Auch wenn der Drang, es zu tun, fast übermächtig wurde – sie war nicht hier, um es sich selbst zu machen.

Vielleicht sollte sie doch noch einmal in die Dusche steigen und …

Nein! Jetzt war es Zeit, von hier zu verschwinden.

Auf Zehenspitzen stöckelte sie zur Tür und schloss sie geräuschlos hinter sich.

„Nick – the Dick“ würde ihr für immer im Gedächtnis bleiben – geiler Schwanz, unbefriedigende Nummer …

Manchmal fragte sie sich, ob sie verrückt war. Nicht ein bisschen, so wie jeder andere auch, sondern so richtig! Wenn man jedoch bedachte, dass sie als Tochter von Hector Layton aufwuchs – des Chefs der Klinik, die mehr für ihre einzigartigen Sexualtherapien und Sexspielzeuge berühmt war als für echte Medizin – war die Grenze zwischen Verrücktheit und Wahnsinn schwer zu ziehen. Ihr ganzes Leben war verrückt gewesen. Grenzte es da nicht an ein Wunder, dass sie überhaupt noch Lust auf Sex hatte? Oder dass sie auch noch selbst Medizin studierte?

Vielleicht war das alles aber auch nur genetisch bedingt. Ob ihrem Vater wohl während des Studiums die Theorien von Sigmund Freud zu Kopf gestiegen waren? Irgendwann musste auch er zum ersten Mal auf die Idee gekommen sein, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. So wie sie …

Sie hatte sich extra die Haare blond gefärbt, um ihre Verkleidung abzurunden. Wenn die Kerle erfuhren, dass sie die kleine Tochter des großen Bosses war, trauten sie sich gewöhnlicherweise nicht einmal mehr, sie anzugreifen – geschweige denn etwas anderes. Jeder behandelte sie dann wie die „Prinzessin auf der Erbse“ und sie hasste nichts mehr als das. Nur wenn sie in eine Rolle schlüpfte, in der sie keiner erkannte, fühlte sie sich richtig frei …

Frei.

Oh Mann – was für eine Nacht!

Das gesamte Kongresszentrum war hell erleuchtet und die Klinik mit all ihren Parks erstrahlte in einem fast schon steril weißen Glanz. Hier und in dem angeschlossenen Wellnesshotel ließen sich nur die Schönen und Reichen behandeln – von den besten Ärzten der Welt. Und an diesem Kongresswochenende waren von den Besten der Besten der Welt noch einmal so viele Koryphäen anwesend. Aber aus irgendeinem Grund waren die neuen Kollegen ihres Vaters immer am reizvollsten. So wie der Kerl, der in seinem Hotelzimmer eingeschlafen war.

Vicky nahm den Lift in die Lobby. Nur Plexiglas um sie herum. Was für eine Aussicht! Tausendmal hatte sie diesen Weg schon genommen. Sie kannte jeden Dienstbotengang, jeden Versorgungsweg, jeden Aufzug, der sie von A nach B bringen konnte – doch die meisten konnte sie heute nicht benutzen. Sie wollte nicht, dass ihr Handy sich mit dem System verband – denn offiziell war sie nicht hier. Schon gar nicht heute.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Ihr Vater hätte es nur zu gern gesehen, dass sie artig im Auditorium saß und andächtig den Gastrednern lauschte, aber darauf hatte sie keine Lust. Die Reden waren todlangweilig. Sie wollte lieber Spaß haben. Vielleicht lagen diese ganzen verrückten Sachen, wie Leute zu beklauen, einfach in der Familie. Paps und ihre Mom hatten ja auch immer eine sehr offene Beziehung geführt und irgendwann war daraus eben sie entstanden …

Was er wohl gesagt hätte, wenn er sie jetzt gesehen hätte?

Wahrscheinlich wäre sie ihm nicht einmal aufgefallen. Er war schließlich andauernd mit Lorraine beschäftigt, seiner Assistentin, und das in mehr als einer Beziehung …

Die Aufzugstür öffnete sich und sie betrat die Hotellobby. Ein Meer aus funkelnden Lichtern empfing sie. Und der Kongresssaal – alles sehr gediegen und vornehm. Zeitlose Eleganz traf hier auf Moderne. Schwere Kristalllüster beherrschten die stuckverzierte Decke, das Licht war abgedunkelt und die Kellner lasen den hochgeschätzten Gästen jeden Wunsch von den Lippen ab, während der Gastredner noch immer schwitzend versuchte, seine Zuhörer für sein mäßig interessantes Thema zu gewinnen … Wie vorhin, als sie mit Nick den Saal verlassen hatte, um nach oben zu gehen.

Ihr Blick fiel auf Lorraine. Da saß dieses berechnende Miststück am ersten Tisch gleich vor der Bühne und hielt die Hand ihres Vaters. Sie war nicht einmal Ärztin und trotzdem hatte sie überall in der Klinik ihre plumpen Finger im Spiel. Warum Paps ihr so viel Einfluss bei der Entwicklung der neuen Spielzeuge ließ, verstand sie ja irgendwie noch. Sie hatte ein gutes Verständnis für Technik und trieb die Entwicklung immer perverserer Abartigkeiten voran. Sie pries sich immer damit, dass sie jede Entwicklungsphase selbst testete und sorgte für jede Menge gute Presse. Aber was sie aus dem Betrieb ihres Paps gemacht hatte, war einfach absurd. Nicht nur, dass die Klinik immer mehr zu einem Funpark verkam – böse Zungen munkelten auch etwas von einem exklusiven Massagesalon mit garantiertem Happy End – alles hatte Lorraine verändert. Den vielen Umgestaltungen waren auch die alten Schlüsselkarten zum Opfer gefallen. Nicht dass es sie gestört hätte, eine App für die Türen zu verwenden – nur hatte sie damit auch den Zugang zu dem Lagerraum mit den sensiblen Medikamenten und damit den K.O.-Tropfen verloren. Die Flasche, die sie bei sich trug, war ihre letzte.

Egal …

Zeit, auf andere Gedanken kommen.

Vielleicht war einer dieser Manager jetzt genau das Richtige. So wie der Typ an der Bar, der gerade gelangweilt mit seinem Whiskeyglas herumspielte. Er sah genau so aus, als brauchte er jetzt etwas Abwechslung.

Sie stellte sich neben ihn.

„Bekommt hier ein Mädchen auch mal etwas zu trinken?!“ Die Worte quollen über ihre Lippen wie frisches Quellwasser. Der kräftige Typ wandte den Kopf und ein selbstsicheres Lächeln huschte über seine attraktiven Mundwinkel.

„Dabei wäre ich gern behilflich“, raunte er mit einer Schlafzimmerstimme, die jedes Härchen in ihrem Nacken elektrisierte. Ihr Schoß zog sich kribbelnd zusammen.

„Danke, sehr gern.“ Sie lächelte ihn an und … Oh Mann, jetzt erkannte sie ihn erst. Er war nicht nur irgendein Manager – er war der CEO dieses einen Pharmakonzerns. Ihr Paps hatte ihn oft genug in seinem Büro sitzen gehabt. Er war von einer militärischen Spezialeinheit direkt ins Management gewechselt, nur um alle paar Jahre in einem neuen Konzern hart aufzuräumen.

Der Typ war interessant auf mehr als eine Art. Ob er wohl in jeder Hinsicht so hart war?

Sie griff sich eine Zigarette aus ihrem Täschchen und hielt sie ihm hin.

„Oder wir überspringen den langweiligen Teil“, hauchte sie ihm ins Gesicht. „Und … kommen gleich zur Sache.“

Ein Raubtiergrinsen erfasste seine Lippen.

„Ich wusste gar nicht, dass es so hübsche Journalistinnen gibt.“

Sie ließ ihren Blick auf den gefakten Presseausweis an ihrem Rockgürtel fallen und lachte hell. „Das sollte Sie nicht abschrecken. Klatschgeschichten sind unter meiner Würde. Ich habe meine Story für den heutigen Abend längst. Und was ich privat mache …“ Vielsagend zuckte sie mit den Achseln.

Mit siegessicherem Lächeln zückte er sein Feuerzeug und steckte ihre Zigarette an.

„Miss, hier herrscht Rauchverbot!“ Der Barkeeper blickte sie tadelnd an.

Sah sie so aus, als ob sie das auch nur im Geringsten interessierte? Sie blies ihm den Rauch ins Gesicht.

Fast weinerlich sah er zur Decke hinauf. Rauchmelder und Sprinkleranlage.

„Ohhh.“ Sie ließ ihre Zigarette in das halb leere Whiskeyglas des Pharmabosses fallen und zischend erlosch die Glut. Tief sah sie ihm die Augen.

„Wollen wir …“

Es dauerte keine halbe Sekunde und der Geschäftspartner ihres Vaters nickte. Er sah sich kurz um, ob er in der illustren Gesellschaft vermisst werden würde, und bot ihr ganz Gentleman den Arm. Warum nicht? Wenn es ihm ein besseres Gefühl gab …

Sie rutschte mit ihrem Po vom Barhocker, landete zielsicher auf den Sohlen ihrer High Heels und …

„Da braucht wohl jemand einen Daddy?! Und nicht den Ersten heute.“

Wie war das?!

Daddy???

Ein Wahnsinnstyp mit einem spöttischen Lächeln stellte sich vor sie. Groß. Dunkelblond. Keinen Tag älter als vierzig. Und die Augen … Wahnsinn! Der andere war noch größer, dunkelhaarig und sah aus, als hätte er in Olivenöl gebadet.