Kurzgeschichten: After Dark


After Dark -


Sanft verführt und hart genommen zu werden – genau so hatte es sich Adrianna immer gewünscht. Doch die Jungs, die sie zurückhaltend anmachten, verhielten sich dann auch im Bett genauso unsicher – und bei den Kerlen, die sie hart fickten, gab es auch sonst nichts anderes. Diese wollten größtenteils nicht einmal küssen …

Die meisten Männer sahen es ihr nicht an – aber sie war schüchtern. Sehr schüchtern sogar. Sie hätte es niemals gewagt, den ersten Schritt zu machen – den überließ sie stets den Kerlen. Wer sie nicht ansprach und etwas wirklich Originelles zu sagen wusste, hatte keine Chance, jemals in ihrem Bett zu landen. Zuerst musste ein Mann ihren Verstand berühren und ihr Herz erobern – gutes Aussehen und Geld waren keinesfalls alles.

Adrianna seufzte und stellte die fertigen Drinks auf ihr Tablett. Vielleicht hatte sie ja deswegen bei Lorenzo und Romero im Klub zu arbeiten begonnen. Im „After Dark“ fanden sich zweifelsohne die heißesten Typen der ganzen Stadt – auch solche, die obendrein noch einen Batzen Geld besaßen. Draußen auf dem Parkplatz tummelten sich jede Menge Nobelschlitten wie Porsches, Ferraris und Lamborghinis – und von den Kerlen, die aus ihnen ausstiegen, sah einer attraktiver als der andere aus. Wer weiß, vielleicht war ja tatsächlich auch einmal ihr Mr. Right darunter – ein Typ, der sie nicht nur gewitzt zu umwerben verstand, sondern ihr auch ordentlich den Verstand aus ihrem hübschen Köpfchen vögeln konnte.

Ein angenehm süßer Duft lag in der Luft. Dick wie Tabakqualm. Der Klub war erfüllt von den neuesten Musik-Hits der Charts. Manchmal so leise, dass man sich ungehindert unterhalten konnte. Manchmal so laut, dass die Tanzflächen von einem wilden Treiben beherrscht waren. Von erhitzten Körpern, die in lustvollen Verrenkungen miteinander verschmolzen. Dazu an manchen Tagen Trapezkünstler über ihnen, Schwertschlucker auf den Bars und Akrobaten, die überall im Klub ihre Kunststücke vorzeigten. Man wusste nie, was einen im „After Dark“ erwartete und wie ein Abend ausging …

Ein seltsamer Nachtklub, dachte sie manchmal. Stets umwehte einen ein wehmütiger Hauch von Ewigkeit. Als hätte jemand versucht, diesen Augenblick für immer in Bernstein festzuhalten. Irgendwie klang das total lächerlich, aber genau so fühlte es sich an. Albern, oder?

Sie schritt quer durch die schummrigen Lichtkegel zu einem der Separees. Von denen gab es unzählige im Klub. Dazu noch abgetrennte Bereiche, die nur für VIP-Gäste offen standen und die von bulligen Securitys bewacht wurden, die so eiskalt wirkten, dass sie nicht einmal zu atmen schienen. Sie lächelte in die Runde. Vier selbstbewusste Männer. Vier kichernde Mädchen.

„So … Ein Kir Royal, ein Hugo, ein Mojito und einmal einen Airmail.“ Sie stellte die Cocktails auf den Tisch. Die vier Mädchen glucksten.

Hmm … Die Jungs hatten nichts zu trinken bestellt!? Alle gekleidet im Gothic-Look. Geradewegs aus dem Mittelalter mit Leder und Nieten. Und vor allem hatten sie kaum Bräune im Gesicht. Sie hatten wohl keinen Durst. Und naschten lieber an den Mädchen. Gott, diese gackernden Hühner. Und die Jungs … sie sahen aus, als wollten sie die Mädchen gleich auffressen.

Die Mädchen bedeuteten ihr mit einem Blick, dass ihre Anwesenheit nicht länger gewünscht war und sie sich zurückziehen konnte. Keine Sorge, Mädels. Ich schnapp euch die Typen schon nicht weg.

Kichernd schoben sie den Jungs die Drinks zu und vergruben ihre sündig rot geschminkten Lippen in deren Hälsen. So fest, dass Knutschflecke zurückblieben.

Wow!

Adrianna schluckte und unterdrückte ein Seufzen. Wie hatte Lorenzo so treffend gesagt?! Die Hälfte ihres Lohns bekam sie für ihr überdurchschnittlich hübsches Aussehen, die andere Hälfte dafür, dass sie ihren Job gut machte und keine Fragen stellte. Fragen stellte sie hier wirklich schon seit Monaten keine mehr. Aber schräge Sachen passierten oft genug. Vor allem, wenn kurz vor dem Morgengrauen, die Mädchen reihenweise mit bleichen Gesichtern und stolpernden Schritten den Klub verließen. Und etliche Jungs auch. Nun, die harten Drinks bekamen wohl nicht jedem.

Sie strich ihre lange, blondrote Mähne nach hinten und blies sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht.

Lorenzo sah sie von der anderen Seite des Klubs hinweg an. Gott, ihr Boss schien seine Augen immer und überall zu haben. Jedes Mal, wenn sie dachte, sie wäre unbeobachtet, belehrte er sie eines Besseren. Romero dagegen war ein Partytier. Da, wo die Action am größten war, war er todsicher zu finden. Mit einem lauten Lachen auf den Lippen. So wie gerade eben. Er spielte mit dem Feuer. Sprichwörtlich. Ein Feuerschlucker blies seine Flammen über ihn hinweg und seitlich an ihm vorbei. Elegant wich Romero aus, als hätte er Kung-Fu oder etwas Ähnliches gemacht. In einem früheren Leben.

Sie schüttelte den Kopf und sah zu Lorenzo zurück. Doch er war nicht mehr da.

Er stand genau vor ihr!!

„Ähhh …“

„Adrianna“, lächelte er warmherzig – so warmherzig, wie es ihm möglich war, denn da war stets ein melancholischer – um nicht zu sagen trauriger Ausdruck in seinen Augen. „Ich habe dich doch nicht erschreckt, Kindchen?“

„Ähh, nein …“

Kindchen?!

Er war geschätzt gerade mal zehn Jahre älter als sie und … Wie hatte er es nur so schnell von ganz hinten hierhergeschafft? Er musste schneller als Usain Bolt sein. Und er war nicht einmal außer Atem.

Sie seufzte innerlich. Lorenzo sah wie immer zum Verlieben aus.

„Ein Fremder ist in der Stadt.“ Er ließ seinen Blick schweifen, als versuchte er, verlorene Jahre wiederzufinden. „Er ist wohl nur auf der Durchreise und doch ist er schon den dritten Abend hier.“

Adrianna sah sich um. Natürlich. Die Stadt war eine Finanzmetropole. Geschäftsleute, Handelsreisende, Fond-Manager und solche, die es werden wollten, kamen und gingen. Man brauchte sich nur die Kennzeichen der Wagen draußen anzusehen.

„Bediene ihn, aber sei vorsichtig … Er beobachtet dich, schon seitdem er das erste Mal hier ist.“ Er deutete zu einer dunklen Gestalt in einem Separee.

Adriannas Herz klopfte ihr bis zu den Schläfen. Aber was sollte schon groß passieren? Hier passierte nie etwas, ohne dass Lorenzo es mitbekam. Manchmal fühlte sie sich bei ihm beinahe ein bisschen an ihren Vater erinnert. Der glaubte auch, immer und überall auf sie aufpassen zu müssen!

„Ja, DADDY“, lachte sie.

Lorenzo hob überrascht die Augenbrauen, ließ aber sonst mit keiner Miene erkennen, ob der Scherz ihn provoziert hatte. In diesen Momenten dachte sie dann immer darüber nach, wie er wohl im Bett war. Doch dann wiederum … mit dem eigenen Boss zu schlafen, kam nie gut an. Schon gar nicht bei ihren Kolleginnen. Außerdem war es irgendwie schäbig. Billig. Hmm … Romero dagegen … Ihm traute sie zu, dass er einen One-Night-Stand für sich behalten konnte. Manche Blicke der Mädchen waren unverkennbar. Da war diese Sehnsucht nach etwas, das sie einmal hatten und nie wieder bekommen würden. So wollte sie auch nicht enden. Ob sie die Einzige war, mit der er noch nicht geschlafen hatte? Egal! Wenn die beiden sie ins Bett kriegen wollten, mussten sie sich schon etwas mehr anstrengen! Alle beide!

„Ich meine es ernst, Adrianna“, hielt Lorenzo sie am Arm zurück. Was war das nur in seiner Stimme? Und wenn er sie dann noch berührte und sie so durchdringend mit seinen hypnotischen Augen anfunkelte … Dann bekam sie jedes Mal weiche Knie und die Hitze in ihrer Mitte wurde zu einem heftigen Ziehen – zu einem Pochen, das sie ihre guten Vorsätze gleich wieder vergessen ließ. Wenn er jetzt fragte, ob sie ihm hier und jetzt einen blasen wollte, dann hätte sie ihm, ohne zu zögern, die Hose heruntergezogen. Sie hätte sich vor ihm hingekniet und allen Gästen eine Show geboten. Aber was für eine!

Sie schluckte. Was dachte sie da nur schon wieder?

„Dein Licht brennt besonders hell, Adrianna. Und es zieht die Finsternis an wie die Kerzenflamme die Motte. Ich könnte es nicht ertragen, es verlöschen zu sehen.“

Licht?! War das jetzt irgendetwas Esoterisches? Hätte sie ihm nicht zugetraut. Aber irgendwie gefiel ihr das. So ein süßes Kompliment hatte sie wohl noch nie aus dem Mund eines Mannes gehört.

Lorenzos Stimme schaffte es, dass man sich nur ergriffen auf die Unterlippe beißen konnte und lauschen. Hätte jemand anderes dasselbe gesagt, sie hätte wahrscheinlich nur gelacht. Doch ihn hätte sie am liebsten dafür geküsst.

„Ich pass schon auf mich auf … DADDY.“ Sie kicherte hell und ging los, den geheimnisvollen Gast zu bedienen.

Die hitzigen Gedanken wollten nicht versiegen. Im Gegenteil – je näher sie dem Kerl kam, desto stärker wurde das Pochen in ihrem Schoß. Und sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel. Er war mindestens doppelt so alt wie sie. Breitschultrig. Mit einem weiten, dunklen Mantel gekleidet, der ihn wie einen Mann aus dem vorvorigen Jahrhundert aussehen ließ. Und seine Augen … Sie schienen geradewegs bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Er sah gut aus. Viel zu gut. Was für gepflegte Fingernägel … Seine leicht ergrauten Schläfen brachten gewisse Seiten in ihr zum Schwingen. Er schaffte es sicher leicht, dass jedes Mädchen bei ihm artig war.

„Was … Was darf ich Ihnen bringen?“, schwankte ihre Stimme. Ihr Höschen war mittlerweile klatschnass.

„Ich habe dich gestern tanzen gesehen“, flüsterte er charmant. Seine Worte … Es war, als wären sie direkt in ihrem Kopf. „Ich wünsche mir nur, dich wieder tanzen zu sehen, kleiner Schmetterling.“ Wie von selbst blätterten sich die Banknoten auf den Tisch. Die Summe grenzte ans Obszöne.

„Ähem, ich …“ Sie sah schluckend zu Lorenzo zurück, der sie nicht aus den Augen gelassen hatte. „Da … Da muss ich erst meinen Boss fragen.“

„Er wird nichts dagegen haben“, lächelte der Fremde und warf ihm einen Blick zu. Lorenzo verschränkte die Arme vor der Brust und nickte schließlich.

„Okay“, flüsterte Adrianna atemlos. „Eigentlich …“ Doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. „Was für einen Tanz möchten Sie sehen?“

„Als würde dein inneres Feuer nach außen brechen – dein wahres Selbst.“