Die Kemerelle Saga: Zwangskorrektur Durch Den Medizinmann


Zwangskorrektur Durch Den Medizinmann -


PROLOG

DIE BUCHT DER SKLAVEN

„Nara! Warte!!“

Kussie lief Nara über den weichen Sand des menschenleeren Strands hinterher.

„So warte doch!!“

Nara lachte nur und hörte, wie ihre beste Freundin allmählich hinter ihr zurückfiel. Schnell huschte sie an dem alten Holzsteg vorbei und tauchte ihre Zehen in das weißblaue Nass. Gefolgt von ihren Füßen, ihren Beinen und ihren Schenkeln. Ein angenehmer Schauer lief ihr Rückgrat hinab und fand ein williges Echo in ihrem nackten Schoß. Bis über beide Ohren errötend ließ sie ihre Weiblichkeit in die warmen Wellen eintauchen und stieß ein lustvolles Glucksen aus. Der vertraute salzige Geschmack des Meeres küsste ihre Lippen. Niemand außer ihr kam freiwillig hierher. Nicht, wenn er nicht musste.

„Du … Du darfst doch nicht ins Wasser!“, rief Kussie atemlos und blieb stehen. Sie achtete darauf, dass ihre Zehen das schäumende Nass nicht berührten. „Wir dürften nicht einmal alleine hier sein …“

„Sagt wer?“

„Na … ALLE!“ Kussie runzelte die Stirn und nickte ernst über ihre Schulter in Richtung Dünen. Dorthin, wo die Strohhütten des „Niederen Krals“ aufragten. „Du weißt doch, dass es verboten ist. Nur Weißling-Sklaven dürfen ins Wasser. Und nur auf Befehl der Krieger.“

Nara kicherte. Natürlich wusste sie das. Aber inzwischen hatte sie ihre ganz eigenen Ansichten, warum das so war.

„Sei doch nicht so eine Spaßbremse, Kussie. Komm rein! Es ist herrlich.“

Kussie verschränkte ihre Arme unter ihren nackten Brüsten und schüttelte entschieden den Kopf. „Ich habe keine Lust, bestraft zu werden.“ Schon gar nicht deinetwegen – schwang in ihrem Blick mit. Aber das hätte Kussie natürlich niemals laut ausgesprochen.

„Du weißt nicht, was du verpasst!“ Nara lachte und tauchte in das glasklare Wasser ein. Die Wellen schlugen über ihrem Kopf zusammen und ihre langen, schwarzen Haare trieben wie Seetang um ihr Gesicht. Die Fische leuchteten in allen Farben und schwammen bis kurz vor die Finger ihrer ausgestreckten Hände. So nah waren sie noch nie gewesen.

Atemlos tauchte sie wieder an die Wasseroberfläche und ließ sich mit den Wellen an den Strand treiben. Die Sonnen glühten vom Himmel und strahlten heiß auf ihre dunkle Haut. Auf ihren blank rasierten Schoß. Und auf ihre Perle …

Kussies Dreischatten fiel auf sie.

„Möchtest du nie gegen die Regeln verstoßen, Kussie? Mal ganz einfach etwas machen, nur weil es Spaß macht? Nur ein einziges Mal??“ Sie streckte die Hand nach ihrer besten Freundin aus.

Kussie presste die Lippen zusammen und schüttelte unmerklich den Kopf. Sie setzte sich, starrte stumm in die Bucht hinaus und sah unsagbar hübsch dabei aus.

Nara ließ ihre Finger über Kussies flachen Bauch streichen. Zwischen ihre glatten, geschmeidigen Schenkel.

„Mutter sagt immer, du wirst mich eines Tages in große Schwierigkeiten bringen. Du bringst dich ja selbst dauernd in Schwierigkeiten …“

Nara sah Kussies Blick hinterher. Ein Sklavenschiff der Jomdah legte mit geblähten Segeln in Richtung Südwesten ab. In Richtung Land der einhundert Königreiche. Der Wind trug die gespenstischen Gesänge der Gefangenen und das ferne Klirren von eisernen Ketten.

Nara atmete tief ein und ließ seufzend den Blick schweifen. Von den schroffen Felshängen des südlichen Endes der Bucht bis zu den nördlichen Dschungelwäldern hinter dem Hafen.

Bucht der Sklaven.

So hatte dieser Ort schon immer geheißen. Schon seit dem Tag, als die Götter aus ihrem Reich herabgestiegen waren, um den Menschen zu erschaffen.

Und inmitten der Bucht, keine tausend Schritte entfernt, ragte die „Insel der Bestrafung“ aus dem Wasser.

Allein in Richtung des dunklen Felsens zu schauen, ließ Nara frösteln. Nur der einsame, wacklige Steg führte über das dunkelblaue Meer …

Jubelgeschrei aus unzähligen Kehlen wehte über die Dünen.

„Die Krieger sind von der Sklavenjagd zurück.“ Kussie lächelte breit.

Naras Herz klopfte.

Vater!!!

Ob Vater ihr etwas mitgebracht hatte? Ihren eigenen Sklaven?

Sie sprang auf und zog Kussie hoch.

„Gehen wir! Das gibt sicher ein Fest.“

Kussie nickte.

Unsicher sah Nara noch einmal zur Insel zurück.

Die Insel der Bestrafung.

Wer dorthin die eintausend Schritte über das Wasser ging, kam als ein anderer Mensch zurück. Und wer nicht zurückkam, der war für den Rest der Welt verloren.

„Und sag bitte den anderen nicht, dass ich schwimmen war. Einverstanden?“

Kussie seufzte.

„Das brauche ich gar nicht. Irgendwer hat dich sicher wieder gesehen …“ Kussie blickte finster in Richtung Dünen. Über die strenge Anordnung des „Niederen“, „Äußeren“ und „Inneren Krals“. Strohhütten, soweit das Auge reichte.

Nara stieg der anregende Duft von gebratenem Fleisch in die Nase. Dazu der unverwechselbare Geruch von Schweiß und der widerliche Gestank von zu vielen Menschen.

„Irgendwann werden sie dir das nicht mehr durchgehen lassen, Nara. Du bist ein Jahr alt. Sechsundzwanzig Doppelmonde. Das sind …“

„Über fünftausend Tage, Kussie … Ich weiß!“ Sie sah ein letztes Mal zur Insel.

Dort war Batongas Reich.

Batonga, der Medizinmann.

Der Hexenmeister!

Nara schauderte noch mehr.

Manchmal hörte man seltsame Laute von der Insel. Laute und Schreie, die ihr durch Mark und Bein gingen und sie tief in ihrem Inneren bewegten. Laute, für die es keine Worte gab. Schreie, die sie nachts wild träumen ließen!

Nur wer aufrichtig bereute, hatte eine Chance, jemals wieder von dieser Insel zurückzukehren.

Und wer nicht bereute …

Von dem sollte nie jemand wieder etwas hören!


TAG DER VERMÄHLUNG

DREIZEHN DOPPELMONDE SPÄTER

„Ich bin eine Tochter Kumaas!“ Nara stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Die Tochter eines Kriegerkönigs!!“

„Dann verhalte dich auch bitte wie eine.“ Kussie rümpfte ihr kleines Näschen und seufzte. Gedankenverloren strich sie den Hochzeitsschleier glatt, den sie vorbereitet hatte. Das machte Nara nur noch wütender.

„Wer bin ich denn, dass ich mich wie eine maleyanische Sklavin an ihn ranschmeiße?!“ Sie ließ ihren trotzigen Blick durch ihr luxuriöses Gemach schweifen. Über all die Kostbarkeiten aus fernen Ländern, die Vater ihr geschickt hatte. Über ihre fein säuberlich aufgereihten Schätze …

„Aber … Aber Tuma ist der erste Krieger und du … du … nur …“

„Was?!“, brauste Nara auf. „Was bin ich NUR, Kussie?! NUR eine Frau? NUR ein Mädchen?“ Sie sah aus dem Fenster. Zu den wenig belebten Straßen und Gässchen von Kumala. Kein Haus war höher als ein Stockwerk. Nicht einmal die Thronhalle.

„Er hat die Verantwortung für dich, während dein Vater weg ist.“

Nara verdrehte die Augen. „Ich kann gut meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich bin doch keine Geistlose aus dem Dschungel.“

„Aber … Aber …“ Kussie legte den Hochzeitsschleier weg. „Dann … Dann willst du also nicht das Hochzeitsmahl mit Tuma einnehmen?! Er will dich doch zu seiner Hauptfrau machen.“

Hauptfrau?

Hauptfrau?!

Tz!!!

„Den Teufel werde ich!“ Trotzig warf Nara ihr langes, rotes Haar nach hinten und schlüpfte in ein jomdahnisches Kettenhöschen geschmiedet aus feinstem Rotgold. Flink legte sie das dazupassende Oberteil an. Sie betrachtete sich im schwarzen Obsidianspiegel. Perfekt. Die Schmuckstücke saßen wie angegossen. Die Pailletten klimperten und reflektierten das Licht wie ein Regenbogen. Frech blitzte ihr Bauchnabel hervor. „Ich gehe jetzt spazieren! Und ich werde ordentlich Spaß haben.“

„Aber … Aber …“ Kussie sah ihr entgeistert hinterher. „Dein Vater hat doch deine Vermählung mit Tuma verlangt.“

„Na und?! Was will Tuma schon tun?? Mir etwa Hausarrest geben??“

Naras spöttisches Lachen war weit hinaus über den „Inneren Kral“ zu hören.


* * *

Die Dämmerung setzte ein und ein schwüler Abend überzog das Land. Eilig durchschritt Nara das Tor zum „Äußeren Kral“ und folgte auf Zehenspitzen der zentralen Straße den Hügel hinunter. Vorbei an groben Steinhäusern, bis diese von ärmlichen Strohhütten abgelöst wurden. Das Leben des „Niederen Krals“ war so anders als in der Thronhalle. Hier wurde gelacht, gesungen und zwischendurch auch mal gefeiert. Auch wenn die Menschen nicht viel besaßen und im Grunde nicht mehr als bessere Sklaven waren – sogar die Krieger – war hier eine Freude zu spüren, die der „Innere Kral“ schmerzlich vermissen ließ. Am meisten gefiel ihr, wenn die milareinischen Sklaven abends um das Feuer am Strand unter einem strahlenden Sternenhimmel saßen, musizierten und tanzten. So wie jetzt.

Mit ihren Liedern und Gesängen beteten sie für eine baldige Rückkehr der Sternenboten. Eines Tages, so waren sie überzeugt, würden die Himmelsreisenden sie zurück zu den Stränden zwischen den Sternen holen.

Nara ließ die letzten Hütten hinter sich und trat näher. Es dauerte nie lange, bis sie entdeckt wurde. Jeder in Kumala kannte sie. Von der einfachsten Dienstmagd bis zum ranghöchsten Krieger. Seit Tagen hielten die Gerüchte um ihre Vermählung mit Tuma den gesamten Kral in Atem. Alle sahen ihr hinterher. Sowohl die Angehörigen ihres eigenen Volkes als auch die Sklaven und Sklavinnen der unterworfenen Stämme.

Doch sie kümmerten die vielen Blicke nicht weiter. Sie war Nara, Tochter von Kumalac, dem reichsten Kriegerkönig der Küste. Unangreifbar und unantastbar. Und sie ging, wohin auch immer es ihr gefiel, zu gehen. Um zu feiern, mit wem auch immer sie feiern wollte …

Die barbusigen milareinischen Sklavinnen tanzten anmutig um ein aufgeschichtetes Feuer. So anmutig, wie es ihre schweren Ketten zuließen. Ihr langes, sonnenblondes Haar wirbelte schwungvoll von einer Seite zur anderen und ihre blauen Augen funkelten im Licht der Sterne. Nach und nach warfen sie die Tücher von Sternenschwebern nach ihren Männern, die gut gelaunt ihre Trommeln und Instrumente spielten. Das Werfen der Tücher war angeblich ein uralter Brauch, dessen Bedeutung Nara noch immer nicht zur Gänze verstanden hatte.

Die Krieger des „Niederen Krals“ beobachteten das Treiben mit finsteren Blicken. Auf ihre langen tödlichen Speere gestützt. Die meisten von ihnen waren der Auffassung, dass die „Weißlinge“ es nicht wert wären, in einer Hütte zu übernachten. Dass sie hierher an den Strand gehörten, wo sie ihr erbärmliches Leben mit dem Fang von Fisch fristen mussten. Denn „Weißlinge“ waren Abschaum. Das schien die Milareini jedoch nicht weiter zu stören – waren sie hier doch zuhause. Was sie jedoch störte, war, wenn ihre Bewacher dann und wann eines der Mädchen aus der Mitte des Kreises zogen, um weiter den Strand hinunter ihre Lust an ihr zu stillen.

Doch das wagten die Wächter im Moment nicht – nicht, solange Nara hier war. Mit Genugtuung nahm sie es zur Kenntnis.

Lachend winkten die Milareini sie heran.

„Bitte, Herrin, tanzt für uns!“

Das strahlend weiße Lächeln der Hellhäute war ansteckend. Die Männer machten ihr Platz und sie trat in die Mitte des Kreises. In den Rhythmus hineinzufinden, fiel ihr nicht schwer. Sie hatte den blonden Frauen oft genug zugesehen. Und oft genug hatte sie sich von den jungen Mädchen die schnellen Tanzschritte zeigen lassen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass mehr und mehr Dorfbewohner bis an den Strand kamen und ihr zusahen. Nara drehte unermüdlich ihre Kreise.

„Tanzt! Tanzt für die Rückkehr der Himmelsboten, damit sie allen Menschen die Erlösung schenken“, rief ein Milareini. Seine Hände wirbelten schneller, als es das Auge mitbekam, über die Häute der Trommeln.

Angefeuert von den vielen bewundernden Blicken warf Nara den Kopf in den Nacken und lachte in die sternenklare Nacht hinaus. Die Welt versank in einem Wirbel an gleißenden Lichtern und lautem Lachen.

Zarter Schweiß schimmerte auf ihrer glatten Haut. Die herzliche Wärme tauchte tief in ihre Glieder ein und erreichte ihre Körpermitte.

Die Frauen im Kreis drehten sich ihr zu und klatschten. Sie spürte die Hitze der Flammen an Rücken, Po und Schenkeln. Das Holz knackte. Funken stoben weit hinauf in die sternenglanzerfüllte Nacht. Und ihre Beine wirbelten über den feinen, weichen Sand.

Ihre Zehen berührten kaum noch den Boden. Ihre Hände fassten nach hinten zu ihrem jomdahnischen Oberteil und lösten den Verschluss. Die Körbchen platzten von ihren Brüsten und sie hielt das aus Rotgold gefertigte Geschmeide mit einem lustvollen Schrei über den Kopf. Ihre freie Hand streichelte im Einklang mit dem Takt der Musik über ihre federnden Brüste und fuhr hinab, bis ihre Finger unter den goldenen Gliedern ihres Kettenhöschens verschwanden.

„Ihr allmächtigen Sternenboten! Schenkt uns die Erlösung!!“ Ihr heller, klarer Ruf übertönte den Klang der Trommeln. Der Rhythmus wurde immer schneller.

Und …

Die Musik stoppte.

„Der Tanz ist zu Ende“, schnitt eine eisige Stimme durch die gespenstische Stille.

Nara wirbelte atemlos herum.

Darn.

Einer von Tumas Handlangern.

Sein finsterer Blick jagte ihr einen frostigen Schauder über den Rücken.

Begleitet wurde er von einem Dutzend Speerkrieger des „Äußeren Krals“. Grob verschafften sie sich Zutritt zum Kreis.

Bis sie genau vor ihr standen.

„Du wurdest gewarnt“, grinste Darn kalt. „Tuma hat dir gesagt, was mit dir geschehen würde, sollte er dich noch einmal hier draußen unter diesem Weißling-Abschaum erwischen.“

„Er hat mich ja nicht erwischt, sondern du.“ Sie drückte das Oberteil schützend gegen ihre nackten Brüste.

Darn lachte hämisch. „Wer glaubst du, hat mich geschickt?!“ Er packte sie am Arm.

„Lass mich los, du Scheusal!!!“ Vergeblich versuchte sie, sich loszureißen.

„Du hast es noch nicht begriffen, was, Nara? Du kommst jetzt mit! Zu Tuma!“

„Pfoten weg!! Ich … Ich will nicht vermählt werden!“

Darns Männer grinsten dümmlich. Als hätten sie keine Ahnung, um was es hier ging. Doch da war etwas in ihren widerlichen Blicken, als wüssten sie sogar ziemlich genau, was auf dem Spiel stand. Als wüssten sie etwas, das sie NICHT wusste.

Nara schluckte. Ihre Kehle fühlte sich plötzlich unsagbar trocken an. Ein Krächzen verließ ihren Mund.

Die Krieger trieben die Milareini zusammen und sperrten sie in ihren Pferch. Die Musikinstrumente wurden zerstört.

„Na los! Ihr könnt ja drinnen weiter für euren Erlöser einen Gebetstanz aufführen.“

„Mach schon, Alter! Oder du sitzt auf dem nächsten Sklavenhändler nach Jomdah – ohne Rückfahrkarte.“

„Beim gerechten Tod des Boten, seht euch mal diese hübschen Brüste hier an!“

„Augenblick! Die Weiber bleiben noch ein bisschen hier draußen! Bei uns!“

Ein raues Lachen schnitt durch die Luft.

Die wimmernden milareinischen Mädchen wurden von den Männern getrennt und in die Schatten verschleppt. Ein erhitztes Stöhnen drang kurz darauf durch die schweißtreibende Nacht.

Nara schnappte nach Atem. Der Strand wurde vollständig geräumt. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sich mehr Schaulustige eingefunden hatten, als sie anfangs vermutet hatte. Sie säumten den Weg bis zu den ersten Strohhütten und dann noch weiter bis zur zentralen Straße in Richtung des „Äußeren“ und „Inneren Krals“. Von überall strömten sie aus den Gässchen und Hütten. Binnen weniger Augenblicke war die gesamte Stadt auf den Beinen. Alle wollten sehen, was hier vor sich ging. Warum sie abgeführt wurde. Einige riefen etwas. Es klang wie eine Aufmunterung. Ein paar Frauen winkten. Speerträger schritten zwischen die Reihen und setzten den vereinzelten Beifallsbekundungen ein Ende.

Sämtliche Krieger waren auf ihrem Posten. Alle Krieger des „Niederen“, „Äußeren“ und „Inneren Krals“. Fünftausend von ihnen. Als zögen sie in den Krieg!

Nara hob ihr Kinn an. Sie versuchte, so würdevoll wie möglich auszusehen. Was jedoch gar nicht so leicht war. Grob zerrten ihre Bewacher sie den schlecht gepflasterten Weg hinauf in Richtung des zentralen Opferplatzes. Und sie genossen es, sie gründlich anfassen zu dürfen!

Tuma herauszufordern und vor all seinen Kriegern zu brüskieren, war wohl doch nicht ihr schlauester Einfall gewesen.

„Ich kann allein gehen“, zischte sie.

Ihre beiden Bewacher lachten nur, als hätten sie gar nichts gesagt.

„Ihr seid so doof, wie du lang und du dick bist!“, ließ sie ihrem Unmut freien Lauf und kicherte hässlich. Ha! „Lang“ und „Dick“ waren genau die richtigen Namen für die beiden Idioten. „Dick“ trug eine Peitsche am Gürtel. Und „Lang“ konnte seine schmierigen Finger nicht bei sich behalten.

Sie ließen den „Niederen Kral“ hinter sich und betraten den „Äußeren“. Hier das gleiche Bild. Alle wollten wissen, was mit ihr jetzt geschehen würde. Sie sah in die teils verwunderten, teils ausdruckslosen Gesichter. Einige von ihnen riefen etwas wenig Schmeichelhaftes. Das wurde umso schlimmer, je näher sie dem „Inneren Kral“ kamen. Schon seit sie das breite Holztor passiert hatten.

„Verfluchtes Sklavenliebchen!“

Ein Speerträger brachte den zornigen Mann wenig zimperlich zum Schweigen. Unterstützung von der Seite eines Kriegers hätte Nara nicht erwartet.

Sie sah durch die Menschen hindurch. Mit dem Blick der unnahbaren, majestätischen Tochter eines Kriegerkönigs, die sie war. So viele Männer begehrten sie. Das hatte sie schon an dem Tag gespürt, als sie mitbekam, dass sie ein Mädchen war. Und so war es auch jetzt.

Sie durchschritten das Steintor zum „Inneren Kral“. Hunderte Dorfbewohner hatten sich eingefunden. Das diffuse Gemurmel und Rufen wurde immer lauter. Tuma saß auf dem Thron ihres Vaters. Genau vor dem Eingang zur Haupthalle. Links und rechts standen ihm die Mitglieder seines Kriegerrats zur Seite. Darn gesellte sich zu ihnen und alle fünf Männer starrten mit eisigem Blick auf sie herab.

„Dick“ und „Lang“ zerrten sie zum Opferstein. Nur zu gut konnte sie sich erinnern, wie ein Krieger, der des Verrats bezichtigt worden war, hier vor aller Augen sein blutiges Ende fand.

Irgendwo weinte eine junge Frau.

Bei allen Himmelsboten!

Nara schlug das Herz bis in den Hals. Wo war Vater? War Vater noch immer nicht da? War er noch immer außer Landes?

Was immer das hier werden sollte …

Es war definitiv keine Vermählung.